Vor ca. einem Jahr haben wir ein Interview gegeben über die Selbständigkeit. Die Ressonanz war groß, vor allem im Bezug auf unsere offenen Worte zu meiner Sensibilität. Wir haben einige Nachrichten bekommen, wie mutig es ist, darüber so ehrlich zu schreiben. Vor einigen Jahren wäre das noch nicht möglich gewesen. Und deshalb möchte ich euch hier ein bisschen von diesem sehr persönlichen und privaten Thema erzählen und vielleicht auch dem ein oder anderen Mut machen. Mut, so zu sein, wie man ist, für seinen Weg zu kämpfen und aufzuhören, die Sensiblität als Schwäche zu sehen. In der Fotografie ist es eine verdammt große Stärke – was mir erst seit kurzem wirklich bewusst ist.

Wenn man den Titel gelesen hat und Sensibilität und Stärke nebeneinander liest…das mag nicht so richtig stimmig und zusammenhängend wirken – schon gar nicht, wenn man immer wieder spürt, dass es in unserer Gesellschaft immer noch verdammt oft um offensichtliche Leistung geht, darum zu funktionieren. Und auch ich selbst hadere hin und wieder noch damit. Aber ich will von vorne beginnen:

Ausbildung zur Industriekauffrau, Personalsachbearbeiterin … und dann das Studium der Sozialen Arbeit. Ein wichtiger Schritt, die Arbeit mit Menschen, etwas sinnvolles tun, bei dem – zumindest bei den Sozialarbeitern selbst – nicht die Zahlen im Vordergrund stehen, sondern der Mensch.
Parallel zum Studium begann die Fotografie immer mehr Teil meines Lebens zu werden und ich verlor mein Herz an Hochzeiten, Paarfotos und Familien- und Neugeborenenshootings. Die Liebe zwischen den Menschen, diese kleinen Augenblicke voller Glück, Geborgenheit und Zusammengehörigkeit erfüllten mich. Ich habe mich voll reingehangen, zu Beginn als Secondshooter gearbeitet, Aufträge für KollegInnen übernommen, mit Gabriel zusammen an zeilreichen Workshops teilgenommen und in unglaublich viel Fortbildung investiert.  Und da stand ich dann -Annika, sonst immer super sensibel, ruhig, nicht gern im Mittelpunkt stehend, unsicher- vor der Hochzeitsgesellschaft und gab beim Gruppenbild Anweisungen. Ich ging zu mir noch fremden Menschen heim, um Fotos zu machen. Nie im Leben hatte (und habe) ich mich so selbstbewusst und so selbstsicher gefühlt.

Schnell überfordert mit allem sein, feine Antennen für die Stimmungen vieler Personen im Raum, im Erdboden versinken wollen, wenn die Gemüter aufgeladen sind. Sich vorm telefonieren drücken, versuchen keine Blicke auf sich zu lenken, sehr viel weinen, von allem ergriffen sein … das alles ist so furchtbar anstrengend. Sehr lange hatte ich das Gefühl, dass ich weniger belastbar bin, dass ich einfach nicht so viel leisten kann, zu schnell müde bin – und  mich genau aus dem Grund immer als schwächer und vorallem defizitär empfunden.
All das fällt mir in der Fotografie und bei unseren Auftragen unglaublich leicht, weil mich die Liebe und Leidenschaft zu dieser Arbeit so packt und ich auf mich und meine Gefühle hören kann. Das fühlte sich zu Beginn wie ein Wunder an, Annika wie ausgewechselt. Ist es aber nicht.

Was mir damals noch nicht bewusst war: ich leiste permanent. Wenn man innerhalb eines Settings jede kleine Stimmung aufnimmt und verarbeiten muss, ist man ständig unter Belastung. Manche mögen es auch heute noch so empfinden, dass ich „zu weich“ bin oder „zu empfindlich“. Aber ich für mich weiß, dass ich feine Antennen habe, dass es mit zu meinen Leistungen gehört sehr viel zu fühlen und dadurch auch sehr viel an Gefühl weitergeben zu können. Das zu erkennen, war ein langer Weg. Bücher, vor allem die Geschichten anderer hochsensibler Menschen und deren Selbständigkeit (Link zum Buch s. unten) haben mir sehr geholfen. Ich habe mich viel mit dem Thema beschäftigt und habe das große Glück den besten Mann und die besten Freunde an meiner Seite zu wissen, die mich immer wieder unterstützen und mir die Hand reichen, um aus meinem persönlichen Nebel zu treten und wieder klar zu sehen. Und natürlich gab es auch Jene, die mich in genau diesem Nebel viele Jahre meines Lebens haben stehen lassen, absichtlich oder weil sie es nicht besser wussten. Ehemalige FreundInnen, die mich nicht erkannt haben oder selbst im Nebel stehen, die mit Emotionen nicht sonderlich viel anfangen können.

Ich bin Annika, sehr sensibel und bei allem was ich tue, mit vollem Herzen dabei. Ich bin endlich ich, stehe zu mir und gehe meinen Weg mit Menschen, die mich so verstehen und sehen, wie ich bin, die mich immer wieder daran erinnern, welche Stärken ich habe.
Denn meine Stärke ist die vermeintliche Schwäche, ich fühle schon da, wo andere noch nichts wahrnehmen. Bei unserer Arbeit ist das von enormem Vorteil. Das Gefühl für den richtigen Moment, feine Antennen für zwischenmenschliche Situationen und die kleinen Augenblicke, die sich in der nächsten Sekunde ereignen. Das Gespür für die Liebe zwischen zwei Menschen bzw. innerhalb einer Familie. Und das Gefühl, dass ich meinem Gegenüber geben kann. Glück und Freude, die ich spiegeln kann.
„Gehören Sie auch zu den Freunden des Brautpaares, sie strahlen den ganzen Tag so“, „Gehörst du zum Freundeskreis? Du hast eben auch geweint, hab ich gesehen“ … Zitate, die uns auf allen Hochzeiten begleiten. Und dann diese unglaublich wertvollen Worte und Zeilen von unseren Kunden, wie wohl sie sich gefühlt haben und dass sie sich immer gut aufgehoben gefühlt haben.
Als Fotografin fühle ich mich sicher und selbstbewusst. Weil ich weiß, was ich kann. Weil ich weiß, dass wir unseren Kunden am Ende etwas übergeben, was von unbezahlbarem Wert ist. Ich liebe diese Arbeit mit Menschen, ihnen ein gutes Gefühl zu geben, sich schön zu fühlen, sich wohl zu fühlen und mit Ihnen Erinnerungen für sie zu erschaffen.
Und ich bin dankbar, so viel fühlen zu dürfen, auch wenn es mich manchmal erschlägt (bzw. Gabriel, wenn ich vor Glück und Euphorie wie ein Wasserfall plappere).

Die Umfrage bei Instagram hat gezeigt, dass viele von euch auch stark sensibel sind. Du gehörst zu diesen Menschen? Ich möchte dich ermutigen nicht so hart mit dir ins Gericht zu gehen, in dich reinzuhören, zu beobachten, was du fühlst. Oft sind wir selbst unsere größten Kritiker, aber oft sind es auch Menschen um uns herum, die uns in negativen Glaubenssätzen bestätigen und uns gar nicht richtig verstehen (wollen oder können).
In einer Welt, in der Menschen immer öfter von Maschinen und künstlichen Intelligenzen ersetzt werden, werden Sensibilität, Empathie und Kreativität zu immer wichtigeren Kompetenzen. Betrachte diese Eigenschaft von dir als das, was sie ist, auch wenn es mitunter anstrengend ist: als unglaubliche Stärke.

Ich möchte euch folgendes Buch empfehlen, dass mich vieles hat verstehen lassen und dass mir das Gefühl nahm, minderwertig oder sonderbar zu sein:

„We are proud to be Sensibelchen“
https://www.proudtobesensibelchen.de/produkt/buch-we-are-proud-to-be-sensibelchen/
„Ein Buch von Sensibelchen, für Sensibelchen. Weil es in einer lauten und schnellen Welt nicht immer einfach ist, als sensibler Mensch zu bestehen und dabei sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren. Wir stehen mit dir dafür ein, dass es okay ist, ganz viel zu fühlen.“

 

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